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SUNNSEITN EXPEDITION IN BRASILIEN
"FESTE MITTEN IM LEBEN"
Im Rahmen des kulturellen Austauschprojektes Austria 2001 wurde Sunnseitn eingeladen an Konzerten in Porto Alegre und in Rio de Janeiro teilzunehmen. Austria 2001 wird von "For Art Wien" in Zusammenarbeit mit brasilianischen und österreichischen Organisationen und Sponsoren bis Ende September in Brasilien durchgeführt.
Von 16. 8.bis 27. 8. 2001 waren neben 20 österreichischen KünstlernInnen die MusikerInnen der Gruppe "wiadawö!", der Forstexperte Dipl. Ing. Ludwig Wiener und der Bundesobmann der Biobauernorganisation "Ernte fürs das Leben" Josef Ortner in Brasilien in kulturellem und entwicklungspolitischen Auftrag für Sunnseitn unterwegs.
Neben den Auftritten in Kulturhäusern im Rahmen von Austria 2001, verläßt das Sunnseitnprogramm bewußt die Konzertsäle um Inhalte unterschiedlichster Art vor Ort auszuloten. Um Menschen in ihren jeweiligen Lebenssituationen zu begegnen und in einen direkten Dialog treten zu können.
Um zu erfahren ob es Möglichkeiten der Zusammenarbeit und des Austausches
gibt und ob es Sinn macht, ein längerfristiges brasilianisch/österreichisches Kulturentwicklungsprojekt zu starten.
Diese Reise erweist sich als Expedition in ein gewaltig aufgeladenes Spannungsfeld zwischen einem unglaublichen Naturreichtum und einer ungeheueren Ressourcenvernichtung, zwischen millionenfachem Hunger und rücksichtslosem Reichtum, zwischen Analphabetismus und einem Aufbruch in neue Dimensionen eines globalen Zusammenlebens.
Um die Absurdität des Hungers in einem so reichen Land zumindest oberflächlich zu verstehen muss folgendes historisch betrachtet werden:
In diesem Land hat der Raubbau an Natur und Mensch bereits seit 1500 Tradition. Der Name Brasilien kommt von der Abholzung des Brasilholzes. Seit der Landung von uns Europäern wurde aus einem Paradiesgarten ein System der Sklaverei und des sozialen Elends für einen Großteil der Bevölkerung, sowohl der Indianer als auch der importierten Sklaven. Dieses System wird durch ein Bildungsdefizit bis heute aufrechterhalten, es konnte dadurch keine nachhaltige Landwirtschaft entwickelt werden, die eine lokale Versorgung durch Lebensmittel ermöglicht und es fehlt somit auch dieses Wissen.
Durch die direkte Verwandlung von fruchtbarer gewachsener Urlandschaft in Monokulturen wurde und wird den Menschen keine Möglichkeit gegeben ein eigenständiges Bauerntum überhaupt aufzubauen. Der Großteil der Landbevölkerung wird seit jeher landlos gehalten und es fehlen somit Wissen und Erfahrung um das Land entsprechend zu bewirtschaften. Gleichzeitig werden Ressourcen weiterhin vernichtet. Internationale Konzerne werden zu Großgrundbesitzern, fressen urwüchsige Landschaften und riesige Wälder. So werden aus Regenwaldgebieten hochindustrialisierte Monokulturen, die die Fruchtbarkeit des Bodens zerstoeren und die Abhaengigkeit von multinationalen Agrarkonzernen und von den manipulierten Weltmarktpreisen forcieren. Diese Regenwaldgebiete stellen neben ihrer Funktion einer globalen Klimaregelung auch ein riesiges Potential an Wirk- und Heilstoffen dar und könnten somit sinnvoller und schonender genutzt werden Derzeit sind bereits etwa 20 % der Regenwälder zerstört. Es laufen Diskussionen daß zwischen 40% und 70 % der Regenwälder Brasiliens unter Naturschutz gestellt werden was wiederum auf eine zukünftige Zerstörung von weiteren 30 - 60 % hinweist.
So entsteht die absurde Situation, dass eine der größten Schatzkammern der Natur und eins der größten Wunder unserer Erde der großindustriellen Produktion von gigantischen Monokulturen (Betriebe mit 100.000 ha und mehr!) weichen muss. Beispielsweise wird hier Soja angebaut, das zum überwiegenden Teil in den Tierfabriken bei uns in Europa verfüttert wird. Diese Tierfabriken sind - wie wir durch BSE Skandale und Maul und KlauenSeuchen sowie Schweinemastskandal in den letzten Jahren wissen - gefährlich, ungesund, unethisch und eine Bedrohung für die weitere Existenz einer nachhaltigen Landwirtschaft auch bei uns in Europa und insbesonders in Österreich.
Da einerseits die Latifundien (Großgrundbesitzer) fast ausschließlich für den Export produzieren, andererseits riesige Landstriche wegen Grundstücksspekulationen brachliegen, kommt es zu enormen Konflikten und zur massiven Flucht der Landbevölkerung in die Elendsviertel der Städte. So werden tagtäglich tausende Menschen vom System der großindustriellen Agrarproduktion in den Hunger geführt, genau von dem System, das sich rühmt als einziges die Welternährungsprobleme lösen zu können.
Das Land ist trotz seines Klimas, das mehrere Ernten im Jahr ermöglicht nicht in der Lage seine Einwohner zu ernähren, sondern muss Nahrungsmittel importieren, die wiederum zum Großteil aus den Lagern der multinationalen Agrarkonzerne stammen.
Egal wo wir einzelnen politisch stehen mögen, dieser globale Irrsinn, der die Einzigartigkeit unserer Erde zerstört und unendliches menschliches Leid produziert, muss aufhören.
Dies birgt sozialen Sprengstoff und schreit nach einer längst überfälligen Landreform . Einer Landreform, die es den Landlosen ermöglicht für den Eigenbedarf und die lokale Versorgung Lebensmittel zu produzieren und den Indios ihren Lebensraum garantiert. Diese Landreform hat nur einen Sinn in Verbindung mit einer Bildungsreform. Die Arbeit auf dem Land wird heute noch immer als die niedrigste Arbeit angesehen, da sie seit jeher Sklavenarbeit war. Es fehlt die Perspektive. Einzig die Landlosenbewegung MST ist bereit, am Land neue landwirtschaftliche Kooperativen aufzubauen. Wir haben einen dieser Betriebe in Rio Grande del Sur besucht und festgestellt, daß gewaltiges auch in Zusammenarbeit mit diesem Bundesstaat geleistet wird. Dies ist leider noch die Ausnahme in Brasilien, die Landlosen werden normalerweise vom Staat und von Killerkommandos der Großgrundbesitze eingeschüchtert und terrorisiert. Der letzte Massenmord gegen Landbesetzer wurde vor 4 Jahren begangen - 19 Menschen wurden von Polizisten exekutiert. Die Polizisten sind bis heute nicht verurteilt.
Wir haben von Europa aus eine doppelte Verantwortung:
- einerseits können wir durch unser Konsumverhalten beispielsweise die zerstörerische Tierindustrie in Europa schwächen und somit den Raubbau durch Monokulturen in Brasilien einschränken. Wir können auch Fair Trade Produkte kaufen. Fair Trade Produkte und Bioprodukte garantieren den Bauern in "3. Weltländern" einen fairen Preis und sind auch gesünder. Beispielsweise werden Fair Trade Schokoladen im Gegensatz zu unserer Schokoladeindustrie nicht aus genmanipuliertem und chemisiertem Monokultursoja gemacht. Letztlich garantiert der Kauf von Bioprodukten auch in Österreich den Fortbestand einer Regionalversorgerstruktur und einer sanften nachhaltigen Bewirtschaftung.
- Andererseits verfügen wir über einen Erfahrungsschatz, den wir teilen dürfen. Es ist unsere Pflicht unsere Erfahrungen bei alternativen Energie - und ökologischen Projekten für die Entwicklung beispielhafter Projekte in Brasilien zur Verfügung zu stellen. Umso wichtiger ist dieser KnowHowtransfer, da Meinungen aus Europa in Brasilien nach wie vor hoch eingeschätzt werden.
Sunnseitn ist ein Konzept des inhaltlichen Tiefgangs. Wir wurden eingeladen auf Bühnen von Kulturhäusern zu spielen und haben im Kontrast dazu auch das pure Leben gewählt. So haben wir Pole der sozialen und kulturellen Spannungsfelder bespielt um direkte Erfahrungen machen zu können. Wir haben auf einer Fazenda mit einem der berühmtesten Akkordeonisten Brasiliens - Renato Borghetti - gespielt wie auch in einem Elendslager der Landlosenbewegung MST. Wir haben im Präsidentenpalast wie auch in einem verarmten Künstlerviertel in Rio de Janeiro gespielt. Wir besuchten die Keimzelle des Sambas , die
Sambaschule "Mangueira Estagao" wie auch die größte Favela Lateinamerikas "Rocinha" (250 000 Bewohner) in Rio. Diese Erlebnisrecherchen haben wir gezielt durch insgesamt 11 Interviews und Gespräche mit brasilianischen WissensträgerInnen aufzuarbeiten und zu ergänzen versucht. So ist es uns gelungen einen vielschichtigen Prozess in Gang zu setzen, der bis jetzt folgende erste Ergebnisse zeigt:
o Sunnseitn wird ein kulturelles Konzept zur Erweiterung des Wold-Social-Forums 2002 erarbeiten. Dies erscheint aufgrund von Arbeitsgesprächen mit OrganisatorInnen des World Social Forums als sinnvoll. Das World Social Forum arbeitet an Formen des weltweiten Zusammenlebens, die den Armen dieser Erde - der absoluten Mehrheit der Weltbevölkerung - eine faire Chance und auch zukünftigen Generationen eine Überlebenschance geben. Kulturkritischer Ansatzpunkt ist die Tatsache, daß der Kultur beim ersten Forum 2001 nur die Funktion eines schmückenden Beiwerks zukam. Kultur kann jedoch viel mehr. Kultur hat ihren Platz im Zentrum von Veränderungsprozessen. Beispielsweise wären uns ohne unsere Musik die Tore in Rio de Janeiro sowohl zu Wissenschaftlern als auch zu den Armenvierteln verschlossen geblieben.
- Sunnseitn konnte bei der MST ( Menschen ohne Erde) die Idee zur Schaffung eines brasilienweiten "Tag des Feierns aller Landloser" einbringen.
- Sunnseitn hat mit Landlosen ein Fest gefeiert in einer Plastikfolien-Baracken-Siedlung im Acampamento in "Charqueadas" in der 600 Familien, über 2500 Personen seit Jänner auf Land warten, auf Land, das aus Spekulationsgründen seit Jahrzehnten brachliegt. Laut Landlose war Sunnseitn die erste ausserbrasilianische Organisation, die mit ihnen gefeiert hat. Es wurde zur Hauptsendezeit ein Fernsehbericht im gesamten Rio Grande do Sul darüber gesendet. .
- Sunnseitn baut eine Brücke zu Vordenkern Brasiliens, die auch bereit sind bei gemeinsamen Realisationen mitzuwirken. Es fanden insgesamt 11 Gespräche statt. Beispielsweise mit José Lutzenberger, ehemaliger Umweltminister in Brasilien oder Prof. Dr. Raimundo N. Damasceno, Präsident des brasilianisch/deutschen Umweltforums.
Prof. Damasceno arbeitet ganzheiltich, geht neue Wege und sieht wie Sunnseitn Kultur als zentrales Medium dieser Prozesse. Er wird vorraussichtlich im November 2001 zu einem Gegenbesuch nach Oberösterreich kommen, mit Sunnseitn ein Fest feiern und mit der Organisation Ernte für das Leben Arbeitsgespräche und Exkursionen durchführen.
- Erfreulich war letztlich auch das ausverkaufte Konzert von "wiadawö!" im Museu da Republica in Rio de Janeiro. Es gelang uns mehrfach ein Tabu zu brechen: erstmals wurde in der jahrhundertealten Geschichte des ehemaligen Präsidentenpalastes getanzt, erstmals getrommelt und erstmals mit einer Baßgeige gespielt. Was immer das bedeuten mag, was für uns normal war, wurde im staatlichen Fernsehen als kleine Kulturrevolution gefeiert.
Josef Ortner, Raimundo N. Damasceno, Gotthard Wagner. Sunnseitn.
P.S. Wir danken Sabine Schebrak und Irene Strobl von "For Art Wien" sowie Fr. Prof. Elfriede Kellner aus Rio de Janeiro für die organisatorische Unterstützung.
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