Bericht zum Verlauf der AtomSunnseitn Sanatorium Lustdorf /Odessa , 22. - 27. 4. 1997, Ukraine.

Solargleichenfeier anläßlich des 11. Jahrestags der Tschernobylkatastrophe.

Veranstalter: BLICK (NGO Odessa), Sanatorium Lustdorf (Odessa), Sunnseitn (O.Ö.)
Kooperationspartner: ÖIE (Österreichischer Informationsdienst für Entwicklungspolitik),
ARGE Erneuerbare Energie. Friends Of the Earth.
Oberwallsee, 2.5. 1997

Vorweg: Im April 1997 wurden Bestandteile einer Solaranlage zur Warmwasserbereitung, Isoliermaterial und Hilfsgüter wie Matratzen, Bettzeug, Schul- und Spielsachen mit einem Privat LKW nach Odessa ins Sanatorium gebracht. Die Hilfsgüter sind seit April im Sanatorium eingeschlossen und vom Zoll verplombt. Der Zoll kassiert seit über 40 Tagen 2,5 US Dollar Gebühr vom Sanatorium täglich, das entspricht etwa einem Wert von 1 Tag Essen und Schlafen für 1 Person. Mit der geplanten Installation ist es noch nichts geworden da erst vorraussichtlich im letzten Junidrittel 1997 die Spendenmaterialien vom Zoll freigegeben werden. In der Ukraine herrscht harter Überlebenskampf, auch Zollbeamte müssen leben. Laut Anatoli haben in Kiew 5 Organisationen seit April um diese Güter gekämpft,. Die Güter wurden nun endlich als humanitäre Hilfsgüter anerkannt. Ein weiterer Grund für diese Misere ist in der mangelhaften Vorbereitung des Transportes von Österr. Seite her zu sehen. So wurden die Spenden wie Decken, Matratzen, Bettbezüge, Spielsachen, Schulsachen etc. in Österreich nicht mittels Listen erfaßt. Der Transport selbst wurde in der Ukraine ca. 14 x von der Polizei gestoppt und Geld gefordert. Es wurde nur 1x gezahlt. Daß die Güter tatsächlich im Sanatorium angekommen sind ist bereits ein Erfolg. 2. Erfolg: sie sind seit 16.6.97 als humanitäre Hilfe anerkannt, 3. Erfolg: sie werden vorraussichtlich bis 20.6. freigegeben, 4.Erfolg in spe: voraussichtlich in der 2.Julihälfte werden österreichische und ukrainische Techniker die Solaranlage montieren und die ca. 500m Warmwasserleitungen isolieren.
Fazit: Falls Sie Hilfsgüter spenden wollen, bitte: erfassen Sie in einer Liste Art und Anzahl der Güter und senden Sie die Liste an Sunnseitn, Oberwallsee 2a, 4101 Feldkirchen, sie muß ins Russische übersetzt werden.

Reisebericht Sunnseitn kulturelle Kontaktnahme - Ukraine.

Gäbe es keine Schwierigkeiten in der Ukraine hätten wir keinen inneren Auftrag ein Energie- und Hilfsprojekt zu starten, gäbe es etwas weniger Schwierigkeiten, so hätten unsere Projekte rascher Erfolg. Wären wir nicht aus Westeuropa hätten wir keinen so raschen Erfolgsdruck, lebten wir in der Ukraine, hätten wir kaum Zeit und Mittel für Kultur. Die Kultur bestimmt den Kampf ums Überleben Die Kultur bestimmt der Kampf ums Überleben..

Wir kommen nach einer mehr als 40ig stündigen Fahrt in staubigen Schlafwägen in einer Landschaft an, die in kaltem Regen versinkt, auf erdigen Wegen, die sich in Moraste verwandeln, an Schwarzmeerklippen von denen Häuser ins Meer stürzen, das Meer frißt Land, der Hunger frißt Leute; In einem öffentlichen Bus - in dem nicht gesungen werden darf aber amerikanische Konserven dröhnen, in eine Gesellschaft aufrecht gehender Frauen und schwankender Männer.
Wir überfordern in einer ersten Phase die uns erwartenden UkrainerInnen im Sanatorium. Noch vor wenigen Jahren war Kontakt zu Ausländern/Westbürgern nur über offizielle Kommunikatoren möglich. D.h. kein direktes Gespräch, kein direkter Sichtkontakt. Besucher spricht mit Kommunikator, Kommunikator spricht mit Besuchtem, Besuchter antwortet über Kommunikator.
Wir sind der erste Besuch aus dem Westen
in dieser Größenordnung: 8 Musiker/SängerInnen, 1 Dolmetscher/Organisator, 1 Journalist, 4 Techniker und 2 Lkw Fahrer.
Essen und Unterkunft sind geregelt, ansonsten ist zu Beginn alles offen, man hat das Gefühl man betritt einen leeren Raum, der belauert wird von spannungsgeladener Gleichgültigkeit.. Decken und Leintücher sind für unsere Lager (Feldbetten,durchhängende Matratzen) neu gekauft worden obwohl kaum Geld da ist. Die Atmosphäre in den Gängen und Räumen ist sehr freundlich, die Wände sind mit Werken ukrainischer Künstler gestaltet, die diese kostenlos dem Sanatorium zur Verfügung stellen. Warmwasser gibt es nur 1x pro Woche. Für uns wird einmal extra geheizt. Die Warmwasserbereitungsanlage ist aus der Kaiserzeit und hat laut Techniker Armin * im Sommerbetrieb, wenn sie nicht mit der Heizung mitläuft, den katastrophalen Wirkungsgrad von 5 -7 % (moderne Kessel haben ca 80 %- über 90 % Wirkungsgrad).
  • Solarenergie sichert als Erstmaßnahme die Warmwasserbereitung im Sommerbetrieb (Mai - Oktober). Wichtig ist vor allem auch Energiesparen durch Isolieren der Leitungen (derzeit ca 500m unisoliert) und durch den Einsatz von Brennkesseln mit höherem Wirkungsgrad mit diesem Projekt in der Ukraine zu propagieren.
    !!!! Bedarf zusätzlich zu den bereits gelieferten Materialien: Effektiver Brennkessel.
  • Wir gehen nach Ankunft musikalisch ans Werk,
    da sich bei den Technikern, nach 4 tägiger Odyssee auf den Straßen und bereits mehrtägigem Warten auf zolltechnische Abfertigungen im Sanatorium ein kleiner Lagerkoller entwickelt. Musik lockert, Musik stellt Kontakt her, ein uraltes Prinzip.
    Wir besuchen am 2. Tag die älteren und jüngeren Kinder, um uns, unsere Instrumente und das ganze Projekt vorzustellen. Diese Treffen werden von den Frauen kurzfristig auf unseren Wunsch organisiert. Das ist konstruktiv, die kulturelle Annäherungsarbeit beginnt. Die Kinder sind trotz ihrer Krankheiten spontan dabei, obwohl alles straff organisiert zu sein scheint.
    Auszug aus Reisebericht von Baßgeiger Ludwig Blamberger:
    „.........die Kinder sind überwacht, ein bißchen zurückhaltend, werden von einer Erzieherin eingeklatscht wenn wir spielen und folgen brav. Nach und nach wird die Stimmung lockerer, als wir zu singen beginnen bricht das Eis, Kinder klatschen im Rhythmus mit, großer Beifall, große Begeisterung. Gegen Ende formieren sich Ärztinnen, Schwestern, Küchenpersonal, ein Akkordeonspieler zu einem Chor und beginnen zu singen und zu tanzen. Tolle Stimmung, das Eis ist gebrochen. Unsere Anwesenheit hat eine neue Qualität erhalten.“

    Am Abend des 2. Tages auf Einladung des Sanatoriums Besuch der Oper, Ballett „Giselle“ von V.A. Adan, prächtiges Gebäude 1884 -87 gebaut durch Wiener Architekten Fellner und Helmer wenig Besucher angeblich auch da das Gebäude einsturzgefährdet ist. Kultur ist für Ukrainer zu teuer, Veranstaltungen werden nur ein paarmal pro Jahr besucht meist mit Kindern (Bildung).Ansonsten Schallplatten und Bänder hören Zuhause.

    3.Tag: das geplante Einweihungsfest der Solaranlage wird zum Freundschaftsfest.
    Die Solaranlage ist wie bereits eingangs beschrieben zolltechnisch verplombt und darf nicht abgeladen werden.
    Es wird uns ein Kulturprogramm von seiten der Kinder geboten, eine offizielle Feier. Gesang einer größeren Kindergruppe ist locker, ansonsten 2 hochklassige Kindertanzpaare, Tanzmeister von morgen. Alles sehr professionell organisiert/einstudiert. Unserer stammesältesten Sängerin Steiner Gretl ( über 70ig) werden Kuchen und Salz überreicht als Geste der Gastfreundschaft. Sehr frohe Gesichter.
    Die Ukrainische Musikgruppe Mosaika aus Odessa hatte nichts von der Veranstaltung gewußt, obwohl schon mehr als 40 Tage zuvor das Kulturdepartment Odessa die Organisation der Gruppe übernommen hatte. Die 2. eingeladene Gruppe „Malvi“ mit Banduraspielerinnen aus Odessa hat wahrscheinlich bis heute nicht von diesem Treffen erfahren. Ein Kameramann, der gemietet wurde mit Equipment taucht nicht auf mit der Begründung, die hochprofessionelle Kamera sei defekt,etc. Ich kenne diese Probleme aus der Anfangsphase der Sunnseitn Annäherungsarbeit mit unseren tschechischen Nachbarn. Der einzige Motor ist Improvisation. Mosaica taucht dennoch auf (sie wurden von der Lehrerin Irina in Odessa gefunden) und legt ein fulminantes, professionelles Programm aufs Parkett. Beim anschließenden Festessen bleibt wenig Zeit für das Kennenlernen der Musikanten, der Alltagskampf hat sie wieder. Wir haben natürlich auch gespielt und gesungen, allerdings weniger Einstudiertes. Allgemein hatte ich das Gefühl zuviel Offizielles, zuwenig Essentielles - Menschliches. Die Sprachbarriere wird intensiv spürbar. Wenige der Frauen können etwas Englisch. Friedrich in seiner Funktion als Dolmetscher ist neben der Musik. der wichtigste Kommunikator.


    Am vierten Tag gibt die Chefärztin eine Führung durch alle Abteilungen des Sanatoriums mit Erklärungen und Bedarfserhebung. Es bleibt keine Tür versperrt, man steht für Fragen zur Verfügung.
  • Es werden keine Medikamente gebraucht, da sie jedes Medikament vor dem Einsatz untersuchen müssen. Dringend gebraucht werden Einwegspritzen, Pipetten, Watte, Gummihandschuhe, Desinfektionsmittel.
  • Es mangelt an Betten,/Matratzen vorzugsweise Gesundheitsmatratzen und Decken.
  • Es mangelt an einfachen gymnastischen Geräten wie z.b. Medizinbälle.
  • Man wünscht neue Röntgenapparaturen, das ist jedoch aus transporttechnischen und finanziellen Gründen kaum leistbar.
  • Die Zahnbehandlung der Kinder ist aufgrund mangelhafter Geräte schlecht.
    Dr. Schmelz aus Linz mit wahrscheinlich freundlicher Unterstützung der Fa. Austrodent hat ein Projekt zur Verbesserung der zahnärztlichen Betreuung im Sanatorium gestartet. Eine erste Hilfssendung ist bereits im Sanatorium angekommen. Er wird einen Lokalaugenschein vornehmen um zu klären welche Geräte wirklich sinnvoll sind.
  • Es mangelt an einfachsten Spielsachen für 6 - 14jährige wie Bälle, Hulla Hub etc.
  • Es mangelt an Schulsachen - Papier, Farben, Stifte Lineale...
  • Es mangelt an TV Geräten und Videorecordern (beides Secam Ost). - viele Kinder sind bettlägrig, werden liegend unterrichtet und hätten durch Fernsehen etwas Abwechslung.
  • Patenschaften für kranke Kinder können leider aus gesetzlichen Gründen (staatliches Gesundheitswesen) nicht übernommen werden. Vielleicht ändert sich die Gesetzeslage in fernerer Zukunft.
    Wir beschließen speziell für die Kinder, die permanent ans Bett „gebunden“ sind zu spielen und zu singen, wenns ihnen paßt und taugt. Es taugt.
    Die Führungsrollen sind alle von Frauen besetzt, es gibt wesentlich mehr Ärztinnen als Ärzte. Die Schuldirektorin Ivanovna Lorisa erweist sich als sehr verläßliche und seriöse Kooperationspartnerin. Wir gehen mit Ihr einkaufen, sie weiß was am dringensten benötigt wird, sie kauft ein Diese Art der Unterstützung scheint uns eine der eleganteren und sehr effektiven Hilfsmöglichkeiten zu sein. Wir haben die Kontrolle auch im Sinne der SpenderInnen, daß mit dem Geld etwas Sinnvolles passiert und es werden garantiert die richtigen Dinge angeschafft. Ivanovna kauft Spiel - und Schulsachen. Sie hat ein Verleihsystem entwickelt, das die Übersicht über die Dinge erleichtert - die Fluktuation bei den kleinen Patienten ist sehr groß. Sie sind zwischen wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten in Behandlung.
    Am Abend besuchen wir die Philharmonie“Requiem“ von Johannes Brahms wird gegeben unter dem Dirigenten Hobart Earle. Der heutige Konzertsaal war ursprünglich die Börse von Odessa und ist akustisch dementsprechend problematisch. In der Pause dränge ich mich mit der Zahnärztin des Sanatoriums durch über 150 Sänger und Musiker in die Garderobe des Dirigenten. Er ist Amerikaner, hat in Wien studiert, leitet seit 6 Jahren in Odessa die Philharmonie und genießt hohes Medienansehen. Nach 2 Minuten Gespräch entfliehe ich dem Belagerungszustand durch Lokalprominenz mit der Zusage eines Treffens am Sonntag beim traditionellen Ostersonntag Open Air am Rathausplatz, wo wir unseren Abschied spielen und singen werden.


Am 5. Tag - Karsamstag - wir dürfen Ostern 1997 ein 2. Mal erleben - ist untertags keine kulturelle Aktivität angesagt, das Tschernobylgedenken ist zu tragisch. Wir führen mit der Schuldirektorin Ivanovna ein mehrstündiges Interview über die Situation im Sanatorium, die private Situation und die allgemeine Bildungssituation, Gesundheitswesen etc. in der Ukraine.

Am Abend laden uns die Kinder in die Samstagsdisco im Veranstaltungssaal ein, wir machen Pop Corn für alle, es wird wild getanzt, vereinzelt Tränen bei denen, die sich nicht so gut bewegen können.

6.Tag: Abschiedskonzert improvisiert auf den Eingangsstufen im Hof. Es kommen 2 Vertreter der Österreich Soka Gakkai International mit 180 kg Schul- und Spielsachen an. Alle Kinder, die gehen können begleiten uns zum Bus, eine Wanderung dem Schwarzmeer entlang. Ein abgebrannter Supermarkt erinnert an die Schutzgelderpressungen der allgegenwärtigen Mafia. Ich frage Ivanovna warum eigentlich keine Presse dagewesen sei. Sie antwortet wohltuend offen, daß sie durch die Aufregung der letzten Tage einfach darauf vergessen habe.

Am Nachmittag haben wir die Ehre beim traditionellen Ostern Open Air Konzert vor dem Rathaus in Odessa als Gäste spielen und singen zu dürfen. Bei diesem traditionellen Anlaß erahnt man den Glanz früherer kultureller Epochen in dieser Stadt. Alle sind bescheiden elegant gekleidet. Wir spielen für die Kinder und das Projekt und deklarieren uns auch öffentlich dafür.
Hobbard Earle- ein noch sehr junger Dirigent- ist wie versprochen da . Er erklärt sich bereit nach Fertigstellung der Solaranlage im Sanatorium ein Benefizkonzert zu geben und somit das Projekt ins Rampenlicht der Öffentlichkeit - Medien- zu rücken. Hobbard hatte anläßlich des 10. Jahrestags von Tschernobyl mit der Philharmonie vor der UNO in New York gastiert. Ich mache ihn mit Anatoly Pavlenko bekannt.

Zukunft, Phase 2: Die feierliche Eröffnung der Solaranlage mit Benefizkonzert Philharmonie Odessa ist für Anfang Oktober geplant. Ebenfalls die öffentlichen Vorführungen einer Solarschauanlage in Odessa. Zusätzlich wird ein 2. Transport mit Hilfsgütern für diesen Anlaß vorbereitet. Dr. Schmelz wird mit einem Zahntechniker den Bedarf im Sanatorium direkt erheben. Hr. Anatoly Pavlenko wird mit einem Rechtsanwalt Verträge erarbeiten, die die Güter als Leihgaben ausweisen, die Güter bleiben in österr. Besitz nach dem Modell des Bukovinischen Jugendblocks, der einen der 3 Server in der Ukraine mit Hilfe der Canadischen Regierung in Czernowitz aufgebaut hat und diese sehr teuren Geräte mit dieser Konstruktion vor dem Zugriff durch Dritte bewahren konnte. Mit dem Bukovinischen Jugendblock wäre ein Solarprojekt im Waisenhaus in Czernowitz denkbar. Die Organisation besteht aus über 50 Aktiven, verfügt über modernste Kommunikationstechnologie und wäre ein potenter Partner bei der Propaganda für erneuerbare Energieformen im Atomstaat. Wir haben den Chef der Organisation bei der Heimreise kennengelernt.
Geldspenden erscheinen derzeit sinnvoller zu sein als Sachspenden. Ein Transport mit Lastwagen ist eigentlich zu zeit- und kostenintensiv. Ein Transport nach dem Modell der Soka Gakkai international - sie haben zu zweit 180 kg Hilfsgüter mit Unterstützung der AUA transportiert ist sinnvoller.

Ohne Geld geht gar nichts.
Ökologische Gesellschaft FOE Spendenkonto:
Bank Austria Blz.: 20151 KontoNr. 004 550 15 107 !!!Kennwort Odessa!!!

Wird nur bei Bedarf installiert:RAIBA Linz Traun, Blz. 34500 KtNr. 05525 209 Kennwort: Sunnseitn Sanatorium Odessa.

Grüße von Gotthard Wagner.

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